Wachstum mit Wissenschaft

Um einen Eindruck von der Zukunft der Wissenschaftsstadt Essen zu bekommen, empfiehlt sich zunächst ein Blick zurück. Schon immer war es ihr Anliegen, in der Stadtgesellschaft verwurzelt zu sein.

„Wo man sticht mit Messern, wo man schießt mit Schrot – da ist meine Heimat, Essen-Segeroth“, sagten einst die Menschen, die in dem berühmt-berüchtigten Arbeiterviertel in Essens „Wildem Norden“ lebten. Wohl kaum hätten sie damit gerechnet, dass sich ihre Heimat eines Tages zum Standort der hiesigen Universität wandeln soll. Doch genau so kam es.

Ab dem Herbst des Jahres 1972 rollten die Bagger durch das im Krieg ohnehin schwer getroffene Stadtviertel. Hoch ragten die Kräne über der Baustelle der „Universität-Gesamthochschule Essen“ in den Himmel. Das Signal, das von ihnen ausgehen sollte: Seht her, die akademische Elite öffnet ihren Elfenbeinturm für ganz normale Leute. Als abzusehen war, dass die Region ihre Zukunft nicht länger mit Kohle und Stahl planen kann, rückte die Bildung in den Fokus.

Heute erinnert an das Segeroth-Viertel nur noch wenig. Die Hochschule hingegen ist sichtbarer denn je. „Die Wissenschaftsstadt Essen spiegelt sich deutlich in der baulichen Entwicklung wider. Die wissenschaftlichen Einrichtungen prägen bereits das Stadtbild“, sagt Jochen Fricke, stellvertretender Geschäftsführer und Leiter des Bereichs Wirtschaftsentwicklung bei der Essener Wirtschaftsförderung. „Das Universitätsviertel mit dem Neubau des Hörsaalzentrums, die FOM mit ihren Standorten, die Veränderungen im Kultur- und Wissenschaftsquartier Huyssenallee, der neu eröffnete Campus der Folkwang Universität der Künste auf Zollverein – all diese Orte zeigen exemplarisch die Dynamik dieser spezifischen Standortentwicklung.“

Besonders das von Fricke genannte Universitätsviertel wird rückblickend als eines der bedeutendsten städtebaulichen Projekte in der jüngeren Vergangenheit der Stadt Essen betrachtet. Das Projekt brachte schließlich den lange benötigten Brückenschlag zwischen Campus und nördlicher Innenstadt. Vor zehn Jahren, im Dezember 2008, begannen die Bauarbeiten. Entstanden ist seitdem ein modernes, urbanes Quartier mit Raum für Wohnen, Arbeiten und Einkaufen. Um zu verstehen, welch nachhaltige Wirkung dieses Projekt hat, muss man sich vergegenwärtigen, wie es eben dort vor diesem Projekt ausgesehen hat.

Bevor das Areal zum Universitätsviertel umgestaltet worden war, war es jahrzehntelang eine ungenutzte Fläche. Bis 1981 befand sich an jener Stelle der Essener Großmarkt. Als dieser umgesiedelt wurde, verkam das Gelände zur Brache. Es verblieben nur die Anlagen der Rheinischen Bahn. Sie wirkten als zusätzliche Abtrennung des Campus von der Stadt. Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung nannte die Fläche einen „Angstraum“, sprach gar von einer „Essener Bronx“. Diese Zeiten sind vorbei – die Brache blüht.

„Jede Stadt profitiert davon, wenn sie ein Hochschulstandort ist“, sagt Hans-Jürgen Best. Der Stadtdirektor ist der erste Vertreter des Oberbürgermeisters und im Verwaltungsvorstand zuständig für das wichtige Ressort Stadtplanung. Seit mehr als zwei Jahrzehnten stellt Best die Weichen, wenn es um Essens bauliche Weiterentwicklung geht. Profitieren würde eine Hochschulstadt wie Essen etwa von der Wechselwirkung zwischen Forschung und Lehre sowie der Stadtgesellschaft. Ferner würde eine Stadt durch eine Hochschule interessant für junge Menschen, seien es nun Studenten oder sogenannte „Young Professionals“, die den Wirtschaftsstandort stärken. Auch dass eine Hochschule lebendiges studentisches Leben in die Stadt bringe, sei nicht zu unterschätzen, so Best.

Und es sind Effekte, die nicht nur auf den Campus der Universität Duisburg-Essen und seine direkte Umgebung ausstrahlen. „Auch die kleineren fachspezifischen Hochschulen, etwa die Kraftwerksschule in Kupferdreh oder die Steinbeis Hochschule, stärken die Stadtteile – sowohl in der Wahrnehmung als auch im Stadtbild“, sagt Stadtplaner Best. Erfreulich sei dabei auch, dass die Folkwang Universität der Künste inzwischen auf dem Gelände des Unesco-Welterbes Zollverein angekommen sei. „Das stärkt nicht nur die Innovationskraft des Areals, sondern auch den Essener Norden insgesamt.“

Blickt Stadtplaner Best auf die zukünftige Entwicklung des Hochschulstandorts, sagt er: „Die Ansiedlung weiterer Hochschulzweige auf dem Zollverein-Gelände wäre eine durchaus wünschenswerte Entwicklung. Aber auch eine Entwicklung und Ausweitung von Hochschul-
aktivitäten im Bereich des Krupp-Gürtels ist gut denkbar.“

Rings um den Krupp-Gürtel wird eines der größten Stadtentwicklungsprojekte der vergangenen Jahrzehnte realisiert. Dort entsteht der neue Stadtteil „Essen 51“. Bis alles fertig ist, werden zwar 15 bis 20 Jahre vergehen. Doch wieder einmal wird Essen unter Beweis stellen, wie wandlungsfähig die Stadt ist.

(Foto: Thelen-Gruppe)