Von der Globalisierung zu einem kosmopolitischen Denken

Viele Menschen sehen die Globalisierung als Bedrohung. Dass sie aber helfen kann, die Welt gemeinsam anders zu gestalten, gerät oft in Vergessenheit. Essener Forscher arbeiten daran, ihr Potenzial für Verbesserung in Erinnerung zu rufen.

Die Globalisierung hat unsere politische und gesellschaftliche Realität verändert. Das muss man im Ruhrgebiet niemandem beweisen. Von der Mitte des 19. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erfuhr das Revier einen Boom. Der Welthandel florierte, Arbeiter strömten in die Region. Spätestens seit den 1980er-Jahren kam es dann zu einem erneuten Wandel: Asien entwickelte enorme Wirtschaftskraft, multinationale Konzerne gewannen an Macht. So wurde die Globalisierung in der Wahrnehmung vieler Menschen auch zu einer Herausforderung. Sie sehen diesen Prozess als „Naturgewalt“, auf die sie lediglich reagieren können – daher ist es nicht überraschend, wenn sich manche Menschen die Rückkehr in eine Welt wünschen, die eben nicht von der Globalisierung umgekrempelt worden ist.

Politische Philosophie in Essen

Mit der Professur für politische Philosophie hat die Universität Duisburg-Essen einen in diesem Zuschnitt einmaligen Forschungskontext etabliert. Im Fokus stehen dabei die Globalisierung und die Frage, wie mit ihr umgegangen werden sollte. Es wird davon ausgegangen, dass die Globalisierung grundsätzlich zu begrüßen ist, da sie die Erde als einen Handlungszusammenhang sichtbar macht und nicht einige Freiheit und Wohlstand auf Kosten oder ohne Berücksichtigung anderer sichern und erwerben können. Jedem kommt der gleiche Anspruch zu, über die Bedingungen zu entscheiden, unter denen das je eigene Leben steht. Das verbietet nicht nur Zwang und Beherrschung, wie sie sich in Sklaverei und Kolonialismus gezeigt haben, sondern auch das indirekte Ausüben von Macht über Aufrüstung, Wirtschafts- und Finanzpolitik, die globale Ungerechtigkeit und Abhängigkeiten verfestigen, sowie strategische Eingriffe in Staaten und Gesellschaften, um sie zum eigenen Vorteil zu manipulieren.

In Beiträgen zur philosophischen Menschenrechtstheorie hat die Essener Professur mit Blick darauf die Funktion von Menschenrechten herausgearbeitet. Eine wichtige bzw. die wichtigste Funktion von Menschenrechten ist es dabei sicherzustellen, dass alle Menschen einen eigenständigen Rechtsstatus beanspruchen können, der ihre politische Teilhabe absichert. Dabei bedeutet dieses grundsätzliche Begrüßen der Globalisierung jedoch nicht, dass sie in den Formen, die sie derzeit annimmt, gutgeheißen würde. Ganz im Gegenteil. Die Essener politische Philosophie begreift die Globalisierung so, dass sie zwar Voraussetzungen für eine legitime globale politische und gesellschaftliche Struktur schafft, zugleich aber sehr dazu beiträgt, diese Voraussetzungen zu verdecken. Indem Globalisierung vor allem so erfahren wird, dass sie lokale Mitbestimmungs- und Gestaltungsmöglichkeiten nimmt und zu abwehrenden Reaktionen nötigt, wird nur selten sichtbar, dass mit ihr Zusammenhänge, Verfahren und Institutionen entstehen, über die die Welt gemeinsam und bewusst anders gestaltet werden könnte.

Das soziale Band in Zeiten der Globalisierung

Die Globalisierung fordert nicht nur Gesellschaften und Staaten heraus – sondern auch die politische Philosophie. Sie muss ihre Grundbegriffe, die eng mit dem Nationalstaat verbunden sind, neu bestimmen. Besonders wichtig ist dies hinsichtlich der Voraussetzungen, unter denen sich sozialer Zusammenhalt jenseits der Nation herausbildet, die ausreichen, um Konflikte politisch zu lösen. Gerade auch unter Bezug auf Erfahrungen im Ruhrgebiet mit Mehrsprachigkeit, der Integration von Zuwanderern in Gesellschaft, Gewerkschaften und Parteien sowie der kulturellen Vielfalt im öffentlichen Raum untersucht die Essener Philosophie – zum Teil in Kooperation mit der Soziologie an der Universität Duisburg-Essen und in enger Einbindung in das Interdisziplinäre Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung [InZentIM] –, wie und wann sich geteiltes Wissen über Politik und Gesellschaft sowie Normen und Werte herausbilden, die gemeinsames Beraten und Entscheiden ermöglichen. Zentral ist hierbei aktuell die Auseinandersetzung mit Migration und Integration.

Im Zeitalter der Globalisierung ändern sich aber auch bestehende Beziehungen: Familiäre, berufliche, kulturelle sowie politische und soziale Netzwerke beziehen sich in vielen Fällen nicht mehr auf denselben Personenkreis. Das Internet löst die „Tagesschau“ als wesentliche Informationsquelle und meinungsbildendes Medium ab. Unterschiedliche Weltdeutungen stehen sich nahezu unvermittelt gegenüber. Es ist nicht mehr von einer „Schicksalsgemeinschaft“ auszugehen, die in der Nation zum Ausdruck kommt und in der alle Menschen von denselben Personen abhängig sind. Von einem solchen Grund für das Befolgen geteilter Normen oder Rechtsregeln ist also nicht mehr auszugehen. Handelnde müssen diese Gründe für sich und füreinander immer wieder neu erzeugen. Das eröffnet Freiheitsräume, aber auch soziale Risiken.

Kosmopolitische Perspektiven

Warum es dennoch nicht zu einer Rückkehr in den Naturzustand eines Krieges aller gegen alle kommt, untersucht die Philosophie mit Theorien des sozialen Handelns. Aber sie begründet auch normativ Pflichten und Rechte sowie Verfahren und Institutionen legitimer Herrschaft. Dabei kennzeichnet die Essener politische Philosophie, dass sie diese beiden Perspektiven in ein enges Verhältnis zueinander setzt: Ausgehend von Überlegungen zu Bedingungen für Legitimität wird nach „entgegenkommenden“ oder problematischen politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten gesucht, zugleich aber auch das jeweils Gebotene im Licht tatsächlicher Voraussetzungen präzisiert.

Dies zeigt sich besonders in zwei großen Forschungsprojekten, an denen die Essener Professur aktuell beteiligt ist: Im gemeinsam mit der TU Dresden betriebenen „MERCATOR-Forum Migration und Demokratie“ fragt die Duisburg-Essener Forschergruppe, zu der neben der Philosophie auch die Politikwissenschaft gehört, wie sich unterschiedliche Verfahren in demokratischen Staaten auf die jeweilige Migrationspolitik und ihren Erfolg auswirken.

Das von der Essener politischen Philosophie geleitete EU-Forschungsprojekt „Norms and Values in the European Migration and Refugee Crisis“ untersucht weitergehend die Strukturen und Handelnden, die über Normen und Werte in der europäischen Migrationspolitik entscheiden. An dem Projekt sind acht europäische Universitäten und eine US-amerikanische Universität beteiligt. Sie fragen dabei insbesondere nach einem möglichen Ausgleich zwischen den berechtigten Anliegen von Bevölkerungen, Kontrolle über ihre politische und gesellschaftliche Ordnung ausüben zu können, und denjenigen anderer Personen, die sich entweder bereits als Zuwanderer in Europa befinden oder denen anderswo auf dem Globus durch europäische Entscheidungen Grenzen gesetzt werden.

Das Ziel der Essener politischen Philosophie ist die Entwicklung einer neuen kosmopolitischen Perspektive. Der Kosmopolitismus umreißt dabei eine globale Demokratie, die möglichst vielen Menschen auf der Welt ein Maximum an Selbstregierung erlaubt. Sie umfasst globale Einrichtungen und Verfahren, aber auch lokale Strukturen, die sich als Rahmen anbieten, um Probleme zu bearbeiten, vor denen Menschen unmittelbar stehen. Idealerweise kann die Philosophie so eine Vorstellung und durchaus auch konkrete Hinweise unterbreiten, wie die zahlreichen Spannungen gelöst werden könnten, mit denen wir derzeit konfrontiert sind.

Zur Person

Andreas Niederberger ist ein Experte für Menschenrechte sowie Fragen globaler Gerechtigkeit und Demokratie. Im Juli 2014 hat er an der Universität Duisburg-Essen die Professur für Praktische Philosophie übernommen.