Eine Liebeserklärung ans Ruhrgebiet

von Sandra Da Vina

Sandra Da Vina hat an der Universität Duisburg-Essen (UDE) studiert. Seit 2012 ist sie auf den deutschsprachigen Poetry-Slam- und Kabarett-Bühnen unterwegs. Die Essenerin erzählt ihre Ruhrgebiets-Erfahrungen mit der nötigen Prise Humor.

Eine Umfrage zwischen mir und mir hat ergeben, dass das Ruhrgebiet die schönste Region in ganz Deutschland ist. Ich kann das belegen, ich belege das, wie ein Brötchen mit Mortadella-Wurst, indem ich sage: Hier, in Duisburg und Essen, da ist man immer satt an Leidenschaft und Lebensfreude. Denn hinter all den gerunzelten Stirnen und verkniffenen Augen reift in jedem Kopf ein schlechter Witz und in jedem Mund ein herzliches Wort. Hier liegt sehr viel Gelächter in der Brust und eine Menge Ehrlichkeit auf der Zunge. Zwischen all den grauen Häuserreihen fällt es leicht, zu leuchten mit gutem Charakter und einem offenen Geist. Auch wenn unsere Industrien schon lange brachliegen und kein Rauch mehr über den Städten hängt, sind wir immer noch Kumpel. Es gilt, weiter fleißig zu sein und den anderen ein guter Freund zu bleiben. Sag nur „Glück auf!“, und es gibt einen Grund zu glauben, dass das wahr ist.

Wir sind nicht vom Glück geküsst. Aber wir lieben einander und zeigen das auch. Wer noch nie zwischen 800 betrunkenen Schalke-Fans in der S-Bahn stand, hat doch keine Ahnung, was das Wort „Kuscheln“ überhaupt bedeutet. Wer noch nie in seinem Leben an „Ulis Trinkhalle“ eine gemischte Tüte gekauft hat und eine Lakritz-Schnecke geschenkt bekam, kann das Wort „Freundlichkeit“ überhaupt nicht buchstabieren.

Die Büdchenkultur im Ruhrgebiet wird durch Menschen wie mich gesponsert. Während Ihr noch bei Lidl oder Aldi an der Kasse steht, stehe ich schon mit einem Hansa Pils an „Ulis Trinkhalle“ und tätige den Wocheneinkauf. Die Preise liegen nur leicht über Tankstellenniveau, aber dafür bekommt man ein Gespräch mit Uli gratis dazu. Was wir im Ruhrgebiet an Miete sparen, setzen wir an unseren Trinkhallen wieder um. Für 280 Euro und 50 Cent kaufe ich Nudeln, Milch und Bier. An der Süßigkeiten-Theke gerate ich dann noch einmal ins Grübeln, denn hier, an Ulis Tresen, gibt es mehr Süßkram als im Koffer eines Zwölfjährigen auf Klassenfahrt. Hier liegt mehr Zucker in Gelatine begraben als Haustiere im Garten des Süderhofs.

Stadt um die Trinkhalle gebaut

Ich spreche von diesen Süßigkeiten, die seit 20 Jahren in ihren Plastikbuchsen liegen, diesen Klümpchen, sonnengewärmt, luftgehärtet, von Staub, Abgasen, Mundgeruch und Kleingeldfingern geformt. Süßigkeiten, die der Budenbesitzer mit seinen eigenen Schwitzehänden aus dem Behältnis pult, als wolle er wilden Löwenzahn im kniehohen Gras der Halden pflücken. Diese Weingummi- und Lakritz-Schätze, die schmecken wie eine Mischung aus Obstsalat und Omas Achsel. Diese Süßigkeiten, die schon immer da waren, schon vor dem Trinkhallenbesitzer, vor der Trinkhalle, vor dem ganzen Viertel. Die ganze verdammte Stadt wurde um diese Süßigkeiten herum gebaut. Und wenn man sie isst – die Süßigkeiten, nicht die Stadt –, hat man noch Wochen später Reste davon zwischen den Zähnen, die dort sitzen und von Heimweh und Kindergeburtstagen reden. Alles schmeckt hier anders, alles schmeckt hier besser.

In das kulinarische Gemenge der Imbissbuden und Dönerläden mischt sich der Geschmack des Großstadtlebens. Hier liegt das Gewürz von Freiheit in der Luft: Die Freiheit, an einem Ort zu leben, der immer in Bewegung ist. Die Freiheit, vertrauliche Gespräche zu brüllen, wenn einem danach ist. Die Freiheit, blumige Beleidigungen zu benutzen wie „Ballerkopp“, „Gesichtsknifte“ oder „Ranzfritte“. Und die Freiheit, nachmittags im Trainingsanzug einkaufen zu gehen, ohne dass einen jemand anguckt, als würde man nachmittags im Trainingsanzug einkaufen gehen.

Ich habe es geliebt, hier zu studieren, weil keiner sich selbst zu wichtig nimmt, weil das wirklich Wichtige auf Power-Point-Folien oder Buchseiten steht und aus schlauen Mündern und Köpfen kommt. Hier, in diesen Sälen wird mehr Klugheit verteilt als in den Mensen Pudding an der Nachtischtheke, hier wird mehr Wissen transportiert als Menschen im Pendelbus. Die UDE hat viel mit uns gemein, sie ist noch sehr jung und ist über die Jahre immer größer geworden. Hier lernen mehr als 40.000 Studierende aus über 130 Nationen in mehr als 230 Studiengängen. Unsere Universitäten sind vielleicht keine Schlösser, aber die braucht es auch gar nicht, weil unsere Türen ja immer offenstehen.

Weit entfernt von Rheuma und Arthritis

Die Architekten hier wollten hoch hinaus, es bedarf sportlicher Beine oder einer Liebe zu Fahrstühlen, um es nach ganz oben zu schaffen, aber manchmal reichen auch ein bisschen Fleiß und Durchhaltevermögen, ein paar gute Freunde und ein, zwei Bier abends in der WG. Die Menschen sagen, das hier ist die beste Zeit unseres Lebens, und das liegt sicher an vielem, nämlich, an der Tatsache, dass wir noch weit entfernt sind von Rheuma und Arthritis, von Scheidungen und Sorgerechtsstreits, von Berufsunfähigkeitsversicherungen und Steuererklärungen. Aber wir sind auch ganz nah dran an dem großen Wissen, an kindlicher Albernheit, an Theken und Tanzflächen, an fremden Menschen auf der Semestereinstiegsparty, an einer Ahnung vom Erwachsensein. Und dieser Campus, diese Stadt ist unser Spielbrett dazu.

Und ja, man hat oft das Gefühl, hier liegt die Kohle nur unter der Erde und nicht in den Straßen. Da ist nicht immer viel zu sehen von Reichtum und Wohlstand. Aber wir im Ruhrgebiet sind pragmatische Typen. Wir brauchen keine Burgen und Paläste, keine schicken Vorgärten und goldgerahmten Altstadtgassen, kein Nordseegefühl. Wir haben unsere Schrebergärten und Stadionwiesen. Und wenn wir uns eine steife Meeresbrise wünschen, stellen wir uns einfach in den Fahrtwind der A40 und werfen eine Handvoll Salz in die Luft. Zack, Meeresbrise! Wir brauchen keinen Schnickschnack, kein Chichi. Wir sind die Schönheit nicht gewohnt.

Dabei gibt es so viel zu entdecken – der oft gepriesene Strukturwandel ist überall spürbar: In den Theatern und Opern, auf alten Zechengeländen und in neuen Bars und Cafés, überall tobt die Sub- und Hochkultur. Der einzige Rauch, der noch über der Stadt hängt, stammt aus den Nebelmaschinen der Clubs oder aus den qualmenden Köpfen von uns Studierenden. Unsere Luft ist nur noch erfüllt von Visionen, es atmet sich gut in diesen Tagen. Denn wir sind die Grüne Hauptstadt Europas. Das kann man leicht erkennen, in all den Parks und Wäldern, auf den Halden und Fahrradstrecken. Und ja, das glitzert sehr schön, wenn die Sonne über dem Baldeneysee steht oder am Duisburger Hafen abends in die Ruhr taucht.

An Straßenlaternen heimwärts getorkelt

Wenn ich an meinem Fenster sitze und den Blick über mein Viertel schweifen lasse, über die gleichgemachten Häuserreihen, die Zechen- und Hochhauskonturen im Abendhimmel, dann wird mir ganz warm ums Herz. Diese Skyline ist die Tapete an den Wänden meines Lebens. Ihr Anblick sagt mir, dass ich Zuhause bin. Denn in diesen Straßen liegen so viele Erinnerungen. All die Menschen, die in der Innenstadt, auf Straßen- und Parkfesten, in Kirmes- und Flohmarktgassen, in Hörsälen und Mensen meine Schulter gestreift haben. All die Staus und Warteschlangen, in denen man zum Lokalfunk schräge Lieder sang. All die Straßenlaternen, unter denen man heimwärts torkelte in diesen Jahren.

Kann sein, dass es woanders schöner ist. Kann sein, dass manche Städtenamen prachtvoller klingen, manche Postkartenmotive mehr nach Urlaub aussehen. Kann sein, dass in anderen Städten die Sonne höher und die Schulden niedriger stehen. Kann sein, dass Menschen Fragen stellen, wie: „Ruhrgebiet? Was willst du denn da? Ist es da nicht total hässlich?“ Und es kann sein, dass diese Menschen dann einfach keine Ahnung haben.

28.08.2018

Tag der Trinkhallen
Kumpels, Klümpchen und Kultur
www.tagdertrinkhallen.de