Mit Maschinen den Menschen entlasten

Der Logistikbranche gehen die Fachkräfte verloren – auch weil viele Tätigkeiten richtig ins Kreuz gehen. Das Kooperationsprojekt „ADINA“ soll mit Automatisierungstechnik Abhilfe schaffen. Die FOM Hochschule und die Universität Duisburg-Essen sind gemeinsam an dem Projekt beteiligt.

Prof. Dr. Hanke (FOM) und Prof. Dr.-Ing. Noche (UDE) / (Fotoquelle: FOM ild)

Der Arbeitsalltag vieler Fachkräfte in der Logistik ist oftmals hart: Schwere Lasten heben, Pakete im Lager einsortieren und Ware für den Weitertransport vorbereiten – es sind Arbeiten, die an die Substanz gehen können. „Über einen Tag hinweg können schon mal mehrere Tonnen zusammenkommen, die ein Mitarbeiter hebt oder trägt“, sagt Prof. Dr. Thomas Hanke von der FOM Hochschule in Essen.

Der stellvertretene Direktor des Instituts für Logistik- & Dienstleistungsmanagement (ild) zählt aktuell 284.000 Beschäftigte, die in Nordrhein-Westfalen in Lager-, Kommissionier- und Umschlageprozesse eingebunden sind. Ihr Durchschnittsalter steigt, bedingt durch den demografischen Wandel, weiter an. Immer mehr Mitarbeiter der Logistikbranche gehören der Generation 55plus an. Im Alter machen sich die körperlichen Anstrengungen der Vergangenheit häufig bemerkbar. Und für den Nachwuchs sind die Arbeiten wenig attraktiv. „Schon heute leidet die Logistikbranche unter einem Fachkräftemangel“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Bernd Noche, der das Projekt von Seiten der Universität Duisburg-Essen betreut.

Durch ADINA sollen die Jobs in der Branche ergonomischer gestaltet und damit wieder attraktiver werden. Hinter dem Akronym verbirgt sich das Forschungsprojekt „Automatisierungstechnik und Ergonomieunterstützung für innovative Kommissionier- und Umschlagkonzepte der Logistik in NRW“. Das ild hatte sich gemeinsam mit dem Zentrum für Logistik und Verkehr (ZLV) der Universität Duisburg-Essen sowie dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik für eine Förderung beworben. Das dreijährige Projekt wird aus Zuwendungen des Landes Nordrhein-Westfalen unter Einsatz von Mitteln aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) 2014–2020 „Investitionen in Wachstum und Beschäftigung“ gefördert.

Für das im Juli 2017 gestartete Projekt gehen die Wissenschaftler auch raus aus der Hochschule. Sie besuchen die drei Praxispartner: Der Schraubenhersteller EJOT aus Bad Berleburg macht bei ADINA mit, ebenso Fiege Logistik aus Bocholt und Bohnen Logistik aus Duisburg. Die Forscher dokumentieren Arbeitsprozesse in den Unternehmen und werten das Material aus. In einem nächsten Schritt wollen sie analysieren, wo Maschinen die Menschen entlasten können. Denkbar sind Paletten-Wendegeräte für das Umpacken ganzer Paletten. Auch der Einsatz von stationären und mobilen Hebehilfen ist eine Option, wenn schwere Pakete gehoben werden müssen. Zudem soll das Be- und Entladen von Staplern künftig nicht mehr so sehr ins Kreuz gehen. Auch für die Arbeit auf unterschiedlichen Ebenen gibt es eine potenzielle Lösung: Kommissionier-Fahrzeuge mit einem automatisierten Niveauausgleich sollen bei den Praxispartnern getestet werden. Zudem ist angedacht, Körperstützen, sogenannte Exoskelette, in den Unternehmen einzusetzen. Diese könnten schwere Hand- und Hebearbeiten erleichtern.

„Solche Lösungen werden wir identifizieren und dann in Pilotierungsphasen untersuchen, ob sie für unterschiedliche Kommissionier- und Umschlagarbeiten geeignet sind“, sagt ZLV-Vorstandschef Prof. Dr.-Ing. Bernd Noche. Der Logistik-Experte hat in der Vergangenheit schon häufig mit der FOM kooperiert. Die Verbindung lässt sich auch an der Person von Hanke festmachen, der vor seinem Wechsel zur FOM an der UDE tätig war. Güldilek Köylüoglu und Andreas Hoene, die ebenso am ADINA-Projekt beteiligt sind, kennt er von der Zusammenarbeit am ZLV. „Wir haben uns an der Uni zeitweise ein Büro geteilt“, erinnert sich Hanke.

Die gemeinsame Vergangenheit ist in seinen Augen hilfreich dabei, sich den Aufgaben der Zukunft zu stellen. Hanke betont, dass es hier nicht darum gehe, Arbeitsplätze wegzurationalisieren. „Es geht in erster Linie darum, die Attraktivität des Berufsfeldes Logistik zu steigern und Unternehmen im internationalen Wettbewerb zu stärken“, sagt er. Setzt die Logistikbranche verstärkt auf Ergonomie und Automatisierung, können die aktuell Beschäftigten ihren Beruf länger ausüben. „Und Nachwuchskräfte sollten gleichzeitig motivierter sein, in diesen Bereich einzusteigen“, unterstreicht Hanke.