Künstlerische Möglichkeiten der Technologie

Das Institut für Computermusik und elektronische Medien der Folkwang Universität beschäftigt sich mit audiovisueller Transformation von Räumen, die nicht für die Kunst eingerichtet wurden.

Digitale Technologien sind immanent verbunden mit dem Begriff der Virtualität. Bereits das einfachste Programm veranlasst die Universalmaschine Computer, die durch dieses Programm beschriebene Maschine zu simulieren. Ein Textverarbeitungsprogramm simuliert eine Schreib-Setzmaschine. Eine DAW (Digital Audio Workstation) simuliert ein komplettes Tonstudio mit Bandmaschinen, Mischpult und Effektgeräten. 3D-CAD-Programme simulieren den realen Raum.

Neuere Entwicklungen machen es möglich, Strukturen im Rechnerspeicher, die audiovisuelle Realitäten simulieren, nicht nur über die traditionellen Wiedergabekanäle wie Bildschirm und Computerlautsprecher darzustellen. Man kann sie auch derart in die Realwelt zurückspiegeln, dass für den Nutzer ein Gesamterlebnis aus Realwelt und virtueller Welt möglich wird – man spricht von einer „Immersion“: Performance, Interaktion und Kollaboration werden integrale Elemente der dabei entstehenden, neuen künstlerischen Ausdrucksformen. Diese Technologien sind Bestandteil einer digitalen Revolution, die Auswirkungen auf sämtliche Lebensbereiche, und somit auch auf die Kunst haben wird.

Das Institut für Computermusik und elektronische Medien (ICEM) der Folkwang Universität der Künste hat laut Institutsordnung die Aufgabe „Forschung und Entwicklung in kunstrelevanten Gebieten aus Informatik und Medientechnologie für die kompositorische Verwendung in den musikalisch-akustischen, visuellen und darstellenden Bereichen künstlerisch und wissenschaftlich zu fördern“. Das ICEM ist also zuvorderst aufgerufen, die künstlerischen Möglichkeiten dieser Technologien auszuloten und junge, angehende Künstler in die Lage zu versetzen, auf die damit verbundenen Umbrüche künstlerisch adäquat zu reagieren.

In der Vergangenheit haben sich viele ICEM-Projekte mit der audiovisuellen Transformation vorhandener Räume beschäftigt, die nicht unbedingt für die Kunst eingerichtet wurden. Hier seien insbesondere die Mediennächte „Round Midnight“ auf der Zeche Zollverein genannt. Bei den Mediennächten führten Mischformen aus Konzerten und AV-Medieninstallationen zu einem mehrstündigen Gesamterlebnis. Das Projekt „Quadrangle“, das mit Studierenden der Istanbuler Bilgi-Universität angegangen wurde, ist ein weiteres Beispiel. Bei diesem Projekt wurde 2010 das SANAA-Gebäude virtuell verformt und zum Einsturz gebracht. Zu nennen wären auch die 360-Grad-Kompositionen für den Oberhausener Gasometer, die beim „NOW! Festival“ 2015 zur Aufführung kamen.

Eine weitere Zusammenarbeit ist in den vergangenen Jahren mit dem Planetarium Bochum bei einem Seminar mit Sounddesign-Studierenden der FH Dortmund entstanden. Dabei wurden die künstlerischen Möglichkeiten der im Planetarium vorhandenen Systeme Fulldome-Video und „SpatialSound Wave“ ausgelotet. Für eigene Experimente hat das ICEM sein größtes elektronisches Studio ebenfalls mit einem „SpatialSound Wave“-Audiosystem ausgestattet – dabei handelt es sich um eine Entwicklung des Fraunhofer-Instituts für digitale Medientechnolgie (IDMT).

Neben den Immersions-Erlebnissen, die durch die virtuelle Umgestaltung des realen Raumes entstehen, werden in Zukunft Systeme, die direkt auf die menschlichen Sinne wirken, zunehmend die künstlerische Auseinandersetzung mitbestimmen. Vorhandene Systeme wie Microsofts „HoloLens“ sind aktuell technisch unzureichend und ökonomisch noch nicht sinnvoll für ein größeres Publikum einsetzbar. Allerdings versprechen sie einen noch deutlich weitergehenden Einbezug des Zuschauers in das Kunstwerk selbst. Die sich dabei ergebenden Fragestellungen im Hinblick auf mögliche Überwältigungsästhetik oder der Individualisierung des eigentlich sozialen Kontextes des Kunsterlebnisses werden ebenfalls Teil der künstlerischen Forschung am ICEM sein und bleiben.

Zur Person

Professor Thomas Neuhaus, der Autor dieses Textes, ist seit Oktober 2011 künstlerischer Leiter des ICEM. Er bezeichnet Immersion als „ein sehr wichtiges, aber beileibe nicht das einzige Themenfeld, mit dem wir uns beschäftigen“.