Interview

Prof. Dr. Alexander Probst

Der Biologe Alexander Probst (34) hat an der University of California in Berkeley geforscht. Dann brachte das Rückkehrprogramm des NRW-Wissenschaftsministeriums den Spitzenforscher im Sommer 2017 zurück nach Deutschland. In Essen hat er nun die Professur für „Aquatische Mikrobielle Ökologie“ inne. Er untersucht winzige Lebewesen, die weit unter der Erdoberfläche im Grundwasser vorkommen.

Herr Probst, Sie haben an einer der renommiertesten Universitäten der Welt gearbeitet. Dann sind Sie nach Essen gewechselt. Warum?

Ich könnte mir gerade keinen besseren Ort für meine Forschung vorstellen. Klar, in Berkeley war ich in einem der weltweit führenden Labors tätig. Aber es ist ja nicht der Name einer Universität, der Wissenschaft macht, sondern es sind die Menschen, die dort arbeiten. Forschung ist keine One-Man-Show. Am Biofilm Centre und im „Zentrum für Wasser- und Umweltforschung“ arbeite ich nun mit Experten aus vielen Disziplinen zusammen. Außerdem gibt es hier den Studiengang „Water Science“, in dem Studenten speziell mit dem Blick auf den Bereich „Wasser“ ausgebildet werden.

Klingt, als wären Sie nicht traurig, Kalifornien verlassen zu haben…

Nein. In den vergangenen Jahren habe ich in San Francisco gelebt. Und wenn man die Stadt mit Essen vergleicht, würden viele sagen: San Francisco ist ja viel, viel toller. Aber die Stadt hat auch sehr viele Schattenseiten. Essen ist zum Beispiel viel sauberer. Und man sieht hier deutlich weniger Armut.
Wie haben Sie sich denn auf Ihren Umzug nach Essen vorbereitet?

Ich habe einige Tage hier verbracht und die Stadt erkundet. Und ich habe Zeitungsartikel gelesen. Es gibt ja extrem positive Beschreibungen, aber es gibt eben auch Artikel, in denen Essen nicht gut wegkommt.

Wie ist Ihr persönlicher Eindruck?

Ich wohne im Zentrum. Ich laufe acht Minuten zur Uni, zwölf Minuten zum Bahnhof – und alles, was ich brauche, ist direkt vor der Haustür. So gesehen ist die Lebensqualität sehr hoch.

Bei Ihrer Forschung geht es gewissermaßen auch um Lebensqualität, jedoch tief unter der Erde …

Ja, mich interessieren CO2-Fixierungen im Grundwasser. Dort gibt es einen Mikroorganismus, der biotechnologisch sehr interessant ist. Wir haben ihn schon in Japan gefunden, in den USA und hier in Deutschland. Er hat winzige Enterhaken, mit denen er sich im Untergrund festhält und dort CO2 fixiert. Er ist da unten aber nicht allein. Es gibt auch Parasiten und Viren, die ihn befallen und töten. So bildet sich ein Nahrungsnetzwerk – und ich untersuche, was passiert, wenn dieser Mikroorganismus abstirbt. Wir hatten jüngst eine Veröffentlichung, in der haben wir fast 2.000 neue Spezies beschrieben. 2.000! Doch noch spannender als die Zahl ist etwas anderes …

Nämlich?

Mit den neuen Organismen entdecken wir auch neue genetische Systeme. Sie lassen sich biotechnologisch so verändern, dass sie auf das menschliche Genom angewendet werden können. Möglicherweise können sie bald dabei helfen, schwere oder bislang unheilbare Krankheiten zu behandeln.

Aber nochmal zurück zum CO2. Viele Menschen denken bei diesem Stichwort an den Klimawandel.

Ja, CO2 wirkt sich auf den Klimawandel aus. Und es gibt bekanntlich viele Modelle, die beschreiben, wie sich das Klima verändern wird. Aber: 90 Prozent des Kohlenstoffs auf der Erde liegt im Untergrund – und der wird in keinem Modell berücksichtigt. Dennoch pumpen wir jeden Tag Wasser aus dem Boden und zerstören dabei jahrtausendealte Ökosysteme, in denen die Mikroorganismen existieren, die CO2 binden. Wie sich das auf den Klimawandel auswirkt, weiß noch kein Mensch. Ich möchte mit meiner Arbeit dazu beitragen, diese Modelle präziser zu machen.

Wie sähen die Klimamodelle denn aus, wenn man die unterirdischen CO2-Vorkommen berücksichtigen würde?

Das weiß man nicht genau. Wir haben einfach nicht genügend Zugang zur tiefen Biosphäre. Eine einfache Bodenprobe kann ich mir mit der Schaufel aus dem Garten holen – aber hier reden wir über einen Bereich in 800 Metern Tiefe.

Warum interessieren Sie sich denn ausgerechnet für Mikroorganismen, die tief unter der Erde leben?

Ich bin mit „Star Trek“ groß geworden. Die Serie hat in mir den Forschergeist geweckt. Der Weltraum ist faszinierend, die Tiefe aber auch. Es war immer mein Wunsch, unbekanntes Leben zu erforschen. Das geht nur da, wo der Mensch noch nicht nachgeschaut hat: im All – oder eben in der tiefen Biosphäre.

Prof. Dr. Alexander J. Probst,

Jahrgang 1983, studierte Biologie an der Universität Regensburg. Als Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes stand ihm der Weg ins Ausland offen. Dadurch kam Probst mit der US-Raumfahrtbehörde NASA in Kontakt, wo er später am „Mars Science Laboratory“ arbeitete. Nach seinem Diplom forschte Probst am Lawrence Berkeley National Lab. In San Francisco war er am Aufbau der Firma Second Genome beteiligt. Nachdem er 2014 mit „summa cum laude“ promoviert worden war, arbeitete er an der University of California, Berkeley, bis er 2017 an die Uni Duisburg-Essen wechselte.