Interview

Prof. Dr. Dirk Schadendorf

Prof. Dr. Dirk Schadendorf ist Direktor der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Essen. Sein Steckenpferd ist der Hautkrebs, und hier haben er und seine Kollegen in den vergangenen Jahren wissenschaftliche Durchbrüche erzielt, die das Leben von Krebspatienten deutlich verlängern.

Das Laborjournal kürte Sie 2017 mit 17.000 Zitierungen zum meistzitierten Krebsforscher Deutschlands: Was bedeutet Ihnen diese Zahl persönlich?

Auf der einen Seite sind Zitationen ein Ausdruck, dass die eigenen Arbeiten eine hohe Aufmerksamkeit erfahren haben. Das ist schon eine tolle Sache. Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass ein Großteil der Zitate zustande gekommen ist, weil wir uns mit Themen beschäftigen, die momentan sehr en vogue sind. Mein Steckenpferd ist ja der schwarze Hautkrebs, und vor gut zehn Jahren war die Melanom-Forschung noch ein Friedhof, auf dem nichts vorangegangen ist. Die Patienten sind frühzeitig gestorben. Wenn wir Kongresse abgehalten haben, dann kannten sich alle Melanom-Experten und konnten sich mit Handschlag begrüßen. Das hat sich mittlerweile dramatisch geändert. In den vergangenen Jahren haben viele neue Medikamente die Zulassung bekommen, die einen deutlichen Wirkungsnachweis zeigen. An vielen dieser Entwicklungen war ich auch selbst beteiligt, was letztendlich zu dieser hohen Zahl an Zitierungen geführt hat.

Wie kommt es, dass der schwarze Hautkrebs so lange ein Schattendasein geführt hat?

Die traditionellen onkologischen Therapien wie Chemo- oder Strahlentherapie waren beim Melanom im fortgeschrittenen Stadium gar nicht wirksam. In den vergangenen zehn Jahren haben wir aber gelernt, dass die Achillesferse des Melanoms die Signalwege in die Zelle hinein sind, die man blockieren kann. Das gelingt mit BRAF- und MEK-Inhibitoren, also neue Medikamente, die man als Tabletten einnehmen kann. Sie haben die Lebenszeit der Patienten deutlich verlängert. Die zweite Achillesferse ist das Immunsystem. Hier sind sogenannte Checkpoint Inhibitoren entwickelt worden, die in der Lage sind, eine sehr langanhaltende Tumorkontrolle zu erreichen. Damit haben etliche Patienten die Chance, deutlich länger zu leben oder geheilt zu werden.

Können Sie erklären, was diese neuen Medikamente genau machen?

Unter Checkpoint-Blockade verstehen wir ein Zusammenspiel von verschiedenen Immunzellen im Körper, die wichtig sind, damit das Immunsystem funktionsfähig ist. Nehmen wir beispielsweise die Abwehr von Grippeviren. Das Immunsystem ist in der Lage, diese Eindringlinge zu erkennen und zu eliminieren und dann die Immunaktivierung wieder herunter zu fahren. Das Gleiche passiert grundsätzlich auch bei der Erkennung von Tumorzellen und der Therapie mit Checkpoint Inhibitoren.

Checkpoint Inhibitoren regen also das Immunsystem an, damit es den Krebs bekämpfen kann?

Ja, es ist grundsätzlich so, dass die Therapie mit Checkpoint Inhibitoren versucht, Tumore für das Immunsystem sichtbar zu machen, damit sie nicht mehr unter dem Radar liegen. Das gelingt, indem man das Immunsystem besonders stark aktiviert.

Das birgt aber die Gefahr, dass das Immunsystem überempfindlich reagiert?

Genau. Es besteht die Gefahr von Autoimmunerkrankung.

In diesem Spannungsfeld setzt auch Ihre Forschung an?

Das ist ein Aspekt, der eine Herausforderung für uns darstellt. Auf der einen Seite muss das Immunsystem so aktiviert werden, dass Tumorzellen langfristig erkannt und bekämpft werden. Auf der anderen Seite ist es wichtig, dass die anschließende Immunreaktion gegen den eigenen Körper, die auch zu Nebenwirkungen an Organen wie der Schilddrüse, der Leber oder am Darm führt, kontrolliert wird.

Was bedeutet das alles für den Patienten?

Ich beschäftige mich mit dem Melanom seit mehr als 25 Jahren. Das heißt, ich habe über viele Jahre Melanom-Patienten betreut und gesehen, mit welchen Folgen es für sie verbunden war, wenn die Diagnose eines streuenden, schwarzen Hautkrebses gestellt wurde. Im Durchschnitt sind diese Patienten innerhalb von neun Monaten verstorben. Heute ist es so, dass wir eine ganze Reihe von Patienten haben, die seit Einführung dieser neuen Medikamente vor rund fünf Jahren deutlich länger leben. Wir haben Patienten, die sechs, sieben Jahre mit dieser Krankheit leben oder teilweise sogar keinen Krankheitsnachweis mehr haben. Allerdings gilt das noch nicht für jeden Patienten, der mit einem streuenden, weit fortgeschrittenen Melanom zu uns kommt.

Seit dem Sommer 2008 ist

Professor Dr. Dirk Schadendorf,

Jahrgang 1960, im Ruhrgebiet tätig. Schadendorf ist der Direktor der Klinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Essen und der Direktor des Westdeutschen Tumorzentrums, Deutschlands größtem Zentrum dieser Art und einem der führenden onkologischen Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe. Außerdem ist der gebürtige Hamburger der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Onkologie.