Interview

Dr. Aysegül Dogangün

Dr. Aysegül Dogangün (35) hat in Berlin Informatik studiert. Seit 2008 lebt sie im Ruhrgebiet. Im Interview spricht Dogangün über die Nachwuchsgruppe PAnalytics, die sie an der Universität Duisburg-Essen leitet.

Frau Dogangün, warum hat es Sie als gebürtige Berlinerin ins Ruhrgebiet verschlagen?

Ich muss immer lachen, wenn mir diese Frage gestellt wird. Als ich meinen Eltern erzählt habe, dass ich ins Ruhrgebiet ziehen will, meinte mein Vater nur: „Kind, bist du verrückt?“. Er hatte nicht viel Gutes über die Region gehört. In Duisburg war aber eine interessante Stelle ausgeschrieben, und ich hatte mir in den Kopf gesetzt, diese zu bekommen. Es ging um eine Doktorandenstelle am Fraunhofer-Institut für Mikro-
elektronische Schaltungen und Systeme. Der Schwerpunkt lag in der Entwicklung von Assistenzsystemen im Gesundheitsbereich.

Wie war der Start in den neuen Beruf?

Ich habe eine spannende Phase im Fraunhofer-Institut miterlebt. An meinem dritten Arbeitstag hat dort das inHaus-Zentrum, ein Forschungszentrum, eröffnet. Das war ein Traum: Neben der theoretischen Arbeit konnte ich auch im Labor forschen. Es gibt im inHaus-Zentrum ein intelligentes Badezimmer, das Menschen mit beginnender Demenz bei der täglichen Hygiene unterstützen soll. Das Badezimmer ist im Rahmen meiner Dissertation an der Uni Duisburg-Essen entstanden.

Was war das Thema Ihrer Doktorarbeit?

Es ging um die Entwicklung von Assistenzsystemen, die Aktivitäten von Menschen mit beginnender Demenz erkennen sollen. Wir wollten mithilfe von Sensordaten herausfinden, wie ein normaler Alltag in der Wohnung abläuft. Wenn Veränderungen auftreten, erhalten die Menschen eine Erinnerungsunterstützung – etwa, dass sie ihre Medikamente nehmen müssen.

Als promovierte Wissenschaftlerin sind Sie dann endgültig an die Uni Duisburg-Essen gewechselt.

Erstmal habe ich nach der Geburt meines ersten Kindes Elternzeit genommen. Als ich wieder eingestiegen bin, gab es erneut eine interessante Ausschreibung. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung wollte interdisziplinäre Nachwuchsforschergruppen fördern. Diese sollten sich mit Mensch-Technik-Interaktionen für den demografischen Wandel befassen, das war genau mein Bereich. Rund 150 Projekte in Deutschland haben sich beworben. Acht bekamen den Zuschlag – darunter meins.

Was sind die Inhalte des Projekts?

Die Mitglieder der Forschungsgruppe sollen sich weiterbilden. Doktorarbeiten schreiben, wissenschaftliche Texte für die Habilitation veröffentlichen, Laufbahnen formen – das ist die eine Seite. Inhaltlich geht es darum, dass Menschen Daten im Alltag sammeln und damit ihren Lebensstil verbessern können. Wir befassen uns also mit Personal Analytics, so lautet auch der Name des Kompetenzzentrums.

Wer ist Ihre Zielgruppe?

Wir forschen zum Thema Gesundheits-Monitoring bei der Generation 50plus. Dazu sammeln wir Informationen aus Umgebungssensoren, dem Lebensumfeld der Person und selbst eingegebenen Daten. Daraus kann ein interaktives System entstehen, das individuell auf den Nutzer zugeschnitten ist. Die Person könnte sich über eine App morgens anzeigen lassen, wie gut sie geschlafen hat, und Tipps bekommen, wie sie sich gezielt sportlich betätigen kann.

Seit 2015 läuft das Projekt. Gab es bislang überraschende Ergebnisse?

Was auffällig ist: Unsere Zielgruppe hat oft übergeordnete Ziele formuliert. Sie sagen nicht, dass sie täglich 10.000 Schritte laufen wollen. Sie sagen beispielsweise: „Ich möchte wieder mit meinen Enkeln spielen können.“ Für uns war die Herausforderung, übergeordnete Ziele zu übersetzen und Interventionen anzubieten. Das gilt in diesem Fall für die Bereiche Bewegung, Ernährung und auch den Schlaf.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Wir erfassen beispielsweise Schlaf mithilfe von Sensorik und Bewertungen der Person. Im nächsten Schritt versuchen wir herauszufinden, unter welchen Umständen man besser oder schlechter geschlafen hat. Und dann geben wir Hilfestellungen, wie man die Schlafumgebung verbessern kann.

Sie sprachen davon, dass Ihre Forschungsgruppe interdisziplinär ist. Welche Fachrichtungen sind vertreten?

Ich bilde die Informatik ab und habe mir eine Gesundheitswissenschaftlerin, eine Kognitionswissenschaftlerin, einen Philosophen und einen Elektrotechniker mit ins Team geholt. Das Thema Gesundheits-Monitoring hat unterschiedliche Facetten, und die wollten wir mit den entsprechenden Fachleuten beleuchten. Wenn sich ethische Fragen stellen, hilft der Philosoph natürlich. Es klingt ja wie ein Witz: Eine Informatikerin, ein Philosoph und ein Elektrotechniker sitzen zusammen und reden über das Thema Gesundheit. Aber durch die praktische Arbeit in den Gruppen ist es uns gelungen, die Kollegen mehr und mehr zu verstehen.

(Foto: UDE/Bettina Engel-Albustin)

Dr. Aysegül Dogangün

35 Jahre jung, ist gebürtige Berlinerin. Dort studierte sie Informatik und Psychologie. Im Jahr 2008 kam sie ins Ruhrgebiet. Sechs Jahre lang forschte die Wissenschaftlerin dann am Duisburger Fraunhofer Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme, jetzt ist sie an der Universität Duisburg-Essen tätig, wo sie die interdisziplinäre Nachwuchsforschergruppe „Personal Analytics“ („PAnalytics“) leitet. Beschäftigt hat sich die Ingenieurin bisher vor allem mit Assistenzsystemen für Medizin und Pflege.