Interview

Carolin Schreiber

Carolin Schreiber (36) ist Industriedesignerin. Seit 2008 arbeitet sie an der Folkwang Universität der Künste in Essen. In ihrer gestalterischen Forschung beschäftigt sie sich viel mit sozialen Themen. Zusammen mit ihren Studierenden entwickelt die Designerin unter anderem Produkte und Ideen, die Menschen mit Demenz helfen sollen.

Ihre Projekte drehen sich häufig um soziale Themen. Das erwartet man nicht unbedingt von einer Industriedesignerin.

Ja, ich bin knallhart ausgebildete Industriedesignerin. Und in meinem Studium habe ich nicht ein einziges soziales Projekt gemacht. Menschen wollen und sollen natürlich auch konsumieren. Nur so funktioniert unsere Gesellschaft. Aber ich bin immer wieder überrascht, wie viel Innovation darin liegt, sich ganz gezielt auf eine Sache einzulassen. Diese kleinen Projekte mutieren dann zu großen Dingen, bringen Menschen zusammen und lassen etwas Neues entstehen. Das finde ich total faszinierend.

Faszinierend ist vor diesem Hintergrund auch Ihre Arbeit zu Demenz. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

2011 habe ich angefangen, mich für das Thema Demenz zu interessieren. Ich hatte vermutet, dass mein Großvater demenziell erkrankt ist. Eine Diagnose lag damals nicht vor, aber ich habe bei ihm kognitive Einschränkungen bemerkt. Daraufhin habe ich mich in das Thema näher eingelesen. Dabei habe ich bemerkt, dass es doch extrem relevant ist, sich damit auseinanderzusetzen. Ich fragte Studierende, ob sie ebenfalls Lust dazu hätten, sich damit näher zu beschäftigen. Wir sind dann mit sechs Studierenden gestartet.

Was waren die Ergebnisse?

Die Ergebnisse waren damals noch klassisches Industriedesign – also Produkte. Sie wurden in der Universität für Demenzerkrankte entwickelt, aber ohne engen, kontinuierlichen Kontakt zu Patienten und Patientinnen. Wir haben im Grunde vorhandenes Expertenwissen verwertet. Als wir die Ergebnisse präsentiert hatten, sprachen uns auch viele Journalisten an. Sie fragten, ob wir die Produkte getestet hätten und was die Patienten dazu sagen. Das hat mich etwas gefuchst, weil ich darauf keine richtigen Antworten hatte.

Wie ging es dann weiter?

Ein belgisches Forscherteam vom Dementie-LAB an der Luca School of Arts kam auf uns zu. Dort lief ein Projekt der Robert Bosch Stiftung bei dem Kunsthochschulen in Deutschland dazu motiviert werden sollten, sich dem Thema Demenz zuzuwenden. Die Kollegen in Belgien arbeiten da schon länger sehr eng mit Demenzerkrankten zusammen.

Beim Folkwang LAB „Kennen wir uns?“ arbeiteten Sie und ihre Studierenden dann sehr eng mit Betroffenen zusammen. Wie lief die Kooperation ab?

Im Vorfeld hatten wir drei Seniorenheime in Essen akquiriert. Die Studierenden gingen dann in die Heime und leisteten ihr gesamtes Projekt dort ab. Dabei hatten sie Bewohner als Co-Entwickler an ihrer Seite.

Eines dieser Produkte war „Ferdinand, der Elch“: Was hat es mit diesem Plüschtier auf sich?

Eine Studentin besuchte eine alte Dame. Sie lebte seit Jahren ganz zurückgezogen in ihrem Zimmer. Die Motivation der Studentin war dann, sie durch Gestaltung dazu zu bewegen, wieder am Leben teilzunehmen. Ihr fiel dabei auf, dass die Dame immer ein Stofftier auf dem Schoß hatte. Das war so ein Zugluftstopper in Form eines Elchs. Das Stofftier gab der Frau Halt, ohne den Elch ging sie gar nicht aus dem Zimmer. Die Studierende griff das auf und begann, den Elch mehr in den Alltag der Dame einzubinden. Wenn sie sich morgens anzog, dann sollte auch der Elch angezogen werden. Dafür nähte die Studentin dem Elch Kleider. Er bekam auch ein Bett und eine kleine Garderobe, damit er im Zimmer seinen eigenen Platz hatte.

Und das hat geholfen?

Ja, über das Projekt entstand bei der Dame wieder ein besserer Kontakt zu ihrer Tochter. Sie war sehr überrascht, wie viel noch in ihrer Mutter an liebenswerten Eigenschaften drinsteckte. Das war zumindest der Stand, als wir das letzte Mal vor Ort waren. Klar ist aber auch, dass sich Demenz nicht aufhalten lässt. Es sind Momentaufnahmen, der Zustand kann sich jederzeit verschlechtern. Uns geht es daher darum, die Lebensqualität für den Moment zu verbessern.

Was Sie im Demenz-Lab erprobt haben, können Sie nun in einem Modellprojekt vertiefen. Worum geht es dabei?

Das Projekt Demenz-Dinge (so heißt das Modellprojekt), ist weniger produktorientiert als das LAB. Es geht vielmehr um die Weitergabe von Wissen. Das Projekt wird von der Stiftung Wohlfahrtspflege gefördert und gemeinsam mit der Theresia Albers Stiftung (TAS) durchgeführt, die auch das Marienheim betreibt, wo wir mit dem Demenz LAB gewesen sind. Die Idee ist, dass wir uns in private Haushalte in Überruhr hineinbegeben, wo Demenzerkrankte u.a. von Angehörigen gepflegt werden. Gemeinsam mit den Betroffenen sowie der TAS und dem katholischen Pflegedienst werden wir dann ganz individuell und partizipativ-gestalterisch an den Problemen arbeiten, die sie im Alltag haben. Zu den Lösungen entwickeln wir einen methodischen Leitfaden und werden ein Schulungsprogramm aufstellen, das wir später Altenpflegern und Ehrenamtlichen an die Hand geben.

Carolin Schreiber

studierte Industrial Design an der Universität Duisburg-Essen und der FH Joanneum in Graz. Neben ihrer Arbeit als stellvertretende Professorin an der Folkwang Universität der Künste ist sie selbstständig im Bereich Industrial & Strategie Design sowie Interior Design tätig.