(Bildrechte: Elsa Wehmeier)

Forschung holt historische Noten in die Gegenwart

Professor Dr. Andreas Jacob ist Rektor der Folkwang Universität der Künste. Gleichzeitig ist er Organist und Musikwissenschaftler und mit spannenden Forschungsprojekten beschäftigt. Sein neuestes Werk: eine historisch-kritische Neuedition von Camille Saint-Saëns‘ Oper „Samson et Dalila“.

Saint-Saëns (1835–1921) hinterließ eine imposante Werkliste mit Kompositionen aller Gattungen, darunter 13 Opern. Von diesen Bühnenwerken hat heute lediglich „Samson et Dalila“ einen festen Platz im Repertoire. Dabei war die Entstehung des Werks langwierig und verworren: Begonnen wurde das Werk im Jahr 1859, damals noch konzipiert als geistliches Oratorium. Zusammen mit seinem Librettisten Ferdinand Lemaire entschied sich der Komponist jedoch, diese Adaptation einer alttestamentarischen Geschichte aus dem Buch der Richter als Oper zu inszenieren. Daraus resultiert eine Musik mit hybridem Gattungscharakter, was die Akzeptanz bei einem auf stilistische Reinheit großen Wert legenden Fachpublikum ebenso erschwerte wie die wahrgenommenen wagnerianischen Tendenzen.

Schließlich folgte die Uraufführung der Oper 1877 gar nicht in Frankreich, sondern, auf Bemühen Franz Liszts, in Weimar. Der hierfür erarbeitete deutsche Text von Richard Pohl stellt somit eine eigene Fassung dar. Erst über Umwege gelangte die Oper 1890 nach Frankreich, bevor sie 1892 endlich Premiere an der Pariser Opéra feierte.

Die während dieser langen Zeit vorgenommenen Änderungen an der Partitur waren gering (eine Instrumentationsretusche, eine verlängerte Zwischenmusik sowie die Einfügung einer später dann wieder getilgten Ballettnummer). Der Verleger Durand konnte also für Folgeauflagen auf die immer gleichen Druckstöcke zurückgreifen, was im Laufe der Jahrzehnte zu großen Abnutzungserscheinungen führte. Die 2018 im Bärenreiter-Verlag erscheinende Neuedition ermöglicht die Aufführung gemäß moderner Lesegewohnheiten, wobei eine kritische Ausgabe von Noten und Libretto durch Andreas Jacob und Fabien Guilloux neue Erkenntnisse über die Werkgeschichte mitteilt.