Forschung am Puls der Zeit

Ihre Produkte hat so ziemlich jeder schon in den Händen gehalten. Evonik und CPH aus Essen forschen für die Industrie an Dingen, die quasi alltäglich sind, aber von denen nur die wenigsten wissen, dass sie aus der Ruhrgebietsmetropole stammen.

Unternehmen müssen am Puls der Zeit bleiben, um dauerhaft am Markt zu bestehen. So arbeiten Menschen in den Forschungs- und Entwicklungs-Abteilungen großer Konzerne und mittelständischer Firmen daran, neue Produkte zu kreieren oder Herstellungsprozesse zu verbessern. In Essen profitieren sie dabei von der Nähe zu Universitäten, Hochschulen und anderen Forschungs- und Bildungseinrichtungen.

Wie umtriebig die Essener Wirtschaft in diesem Bereich ist, das lässt sich auch in Zahlen fassen. Laut Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft gaben die Unternehmen im Jahr 2015 für ihre Forschungsstätten rund 250 Millionen Euro aus, wovon vor allem die 1.272 Vollzeitstellen in diesem Bereich bezahlt würden. Dass sich diese Investitionen auszahlen, das lässt sich jenseits solcher Zahlen auch in der Praxis beobachten. Zwei Beispiele sind die Chemie-Unternehmen Evonik und CPH.

Im Innovationszentrum von Evonik an der Goldschmidtstraße arbeiten etwa Dr. Peter Lersch und seine Mitarbeiter an neuen Produkten. Er ist Abteilungsleiter in der Entwicklung und Anwendungstechnik im Geschäftsgebiet „Personal Care“ und unter anderem der kreative Kopf hinter vielen Wirkstoffen, die Evonik heute als Produkte für die Kosmetik anbietet. „Nutrition & Care“ heißt das Evonik-Segment, in dem die Kosmetik beheimatet ist. Neben Kosmetik reicht das Spektrum hier von Superabsorbern für saugstarke Babywindeln über Stoffe für Isoliermaterialien in Kühlschränken bis zu Trennbeschichtungen für selbstklebende Etiketten. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass man mindestens einmal am Tag ein Produkt verwendet, in dem Evonik drin steckt“, sagt Lersch.

Wenn es um Namen der Kunden geht, dann tut sich der Chemiekonzern allerdings schwer. Sensibel ist das Geschäft mit der Schönheit. Schnelllebig. Und immer neuen Trends unterworfen. Aber so viel verrät Peter Lersch: „Wir arbeiten mit allen großen Kunden der Kosmetikbranche zusammen“. Er spricht von „globalen Schlüsselkunden“. Was er damit sagen will, ist, dass die Kunden von Evonik eben mehr sind als bloß Kunden. Sie sind Partner in einem Forschungsprozess, der ständig neue Entwicklungen hervorbringt. Alleine der Geschäftsbereich, in dem Peter Lersch arbeitet, bringt pro Jahr über 60 neue Produkte auf den Markt.

Ein Beispiel: Ceramide sind natürliche Bestandteile der äußeren, schützenden Hautschicht, die in unterschiedlichen Typen vorkommen. Im Alter sinkt der Gehalt in der Haut. Evonik hat spezielle Hefen entdeckt, die Ceramide auf biotechnologischem Wege herstellen: „Wir geben der Hefe ein bisschen Zucker und Wärme und im Gegenzug bedankt sich die Hefe bei uns, indem sie hocheffizient den Grundkörper der Ceramide produziert.“

Das ist einer der Wirkstoffe, der sich später in Anti-Aging-Produkten wiederfindet, die die Regale in den Drogerien und Supermärkten füllen. Und für ihre Rezepturen benötigt die Kosmetikbranche eben Chemie-Konzerne wie Evonik, die Stoffe entwickeln und produzieren, die nah an die natürlichen Bestandteile in der Haut herankommen oder sogar mit ihnen identisch sind. Und was die Ceramide betrifft: „In diesem Bereich sind wir führend“, betont Peter Lersch. Ob eine Creme wirkt, überprüfen die Forscher bei Evonik unter anderem, indem sie per Ultraschall begutachten, wie sich die Haut verändert, wenn ein Produkt angewendet wird. Ein Jungbrunnen, der Wunder bewirkt, sind die Wirkstoffe aber nicht. So dauert es rund 30 Tage bis drei Monate, bevor ein Effekt zu beobachten ist. Es geht bei all den Tests, Untersuchungen und Studien darum zu verstehen, „wie das Produkt von unseren Kunden eingesetzt werden kann,“ so Lersch.

Bei der in Essen-Dellwig ansässigen Firma CPH ist das kaum anders, nur: Dort werden keine Inhaltstoffe für Kosmetika produziert, sondern Klebstoffe, die die Industrie verwendet. Es können unter anderem Kleber sein, mit denen die Etiketten an Bierflaschen wie denen von Carls-
berg haften, oder Kleber, die Babywindeln zusammenhalten, oder Kleber, die bei der Herstellung von Matratzen zum Einsatz kommen. Die Produktpalette ist groß. So groß, dass wohl jeder Deutsche schon Produkte mit Klebstoffen von CPH in den eigenen Händen gehalten haben dürfte. Der Erfolg kommt nicht von ungefähr und beruht seit der ersten Stunde auf einem Hang zu Innovation.

Denn schon früh verstand es der Gründer und Geschäftsführer Gerwin Schüttpelz, mit einem Thema zu punkten, das erst heute bei vielen anderen Unternehmen an Bedeutung gewonnen hat: Nachhaltigkeit. Denn bereits in den 1980er-Jahren brachte CPH die ersten biologisch abbaubaren Etikettierklebstoffe heraus. Als Pionier seiner Branche will er sich selbst deswegen aber nicht bezeichnen. „Pionier, das ist so ein großes Wort und klingt arrogant“, sagt Schüttpelz. Trotzdem gehört der Mittelständler mit Großkonzernen wie Henkel zu den Marktführern seiner Branche.

Ein wichtiger Garant für den Erfolg ist, dass CPH seine Produkte ständig weiterentwickelt. Schmelzklebstoffe, also solche, die heiß aufgetragen werden und beim Erkalten eine feste Verbindung herstellen, produziert das Essener Unternehmen erst seit vier Jahren. „Wir hatten damit keine Erfahrung und mussten die Rezeptur selbst entwickeln“, sagt Schüttpelz.

Bevor ein Produkt von CPH auf den Markt kommt, muss es aber erst beweisen, dass es auch nachhaltig ist. So wird beispielsweise der chemische Sauerstoffbedarf ermittelt. Er gibt an, wie viel Sauerstoff nötig ist, bis das Produkt komplett abgebaut ist. „Wir bringen kein Produkt auf den Markt, wenn wir hier nicht den besten Wert haben“, betont der CPH-Chef. „Ich glaube, dass Ökologie und Ökonomie sehr gut vereinbar sind.“ Es ist ein Ansatz, der heute mehr Gültigkeit hat denn je. Nachhaltigkeit ist mittlerweile bei vielen Unternehmen ein Thema. Das bemerkt Schüttpelz auch bei seinen Kunden, die gezielt nach umweltverträglichen Produkten fragen.

Forschung ist hier unerlässlich: „Wir haben den Bereich Forschung und Entwicklung deswegen in den vergangenen Jahren sehr stark ausgebaut“, sagt Gerwin Schüttpelz. Und noch mehr. CPH ist auch außerhalb des Werksgeländes aktiv gewesen und hat in der Region nach Kooperationspartnern gesucht. Fündig wurden sie an der Universität Duisburg-Essen. Worum es bei dem gemeinsamen Projekt genau geht, das will der Firmenchef aber noch nicht verraten. Die Patentierung läuft noch. Doch so viel sei gesagt: es geht darum, klimaschädliches Kohlendioxid beim Transport seiner Klebstoffe in die ganze Welt zu sparen.

Wieder einmal zeigt sich: Essener Unternehmen sind im Bereich Forschung und Entwicklung am Puls der Zeit.

Dr. Peter Lersch
Abteilungsleiter am Evonik Innovationszentrum, Essen

Gerwin Schüttpelz
CPH-Geschäftsführer
(Foto: Tobias Appelt)