Prof. Karl-Heinz Jöckel
Direktor des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie des Universitätsklinikums Essen

Er ist Leiter des Essener Studienteils der NAKO und war bis April 2017 Vorstandsvorsitzender des Trägervereins der bundesweiten Studie.
https://edition1.wissenschaftsstadt-essen.de/wp-admin/post.php?post=12032&action=edit#

Eine Ressource mit enormem Potenzial für die Forschung

Mit der „Heinz Nixdorf Recall Studie“ ist Essen zu einem der weltweit führenden Zentren der epidemiologischen Kohortenforschung geworden. Die Studie hat zum Ziel, Methoden zu entwickeln, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und damit Herzinfarkte oder gar den Herztod zu verhindern.

Im Jahr 2000 war es soweit: Nach verschiedenen ergebnislosen Versuchen war es gelungen, einen finanziellen Unterstützer zu finden, um eine epidemiologische Kohortenstudie im Ruhrgebiet auf den Weg zu bringen. Die Heinz-Nixdorf-Stiftung hatte sich bereit erklärt, eine Studie zu fördern, die klären sollte, ob der Grad der Koronarverkalkung des Herzens einen späteren Herzinfarkt oder einen plötzlichen Herztod besser als durch die klassischen Risikofaktoren alleine vorhersagen kann.

Dies war der Start der „Heinz Nixdorf Recall Studie“ (HNR), die in den folgenden Jahren 4.814 Bürger aus den Städten Mülheim, Essen und Bochum zu einer eingehenden medizinischen Untersuchung, einer detaillierten Befragung und einer CT-Untersuchung am Herzen zur Bestimmung des Koronarkalks einlud. Fünf Jahre später wurde klar: Die Hypothese konnte bestätigt werden. Die Ergebnisse der Studie fanden Eingang in nationale und internationale Leitlinien.

Da man die Teilnehmer über die Zeit auch hinsichtlich anderer Aspekte ihrer weiteren gesundheitlichen Entwicklung beobachten und sie zu zwei weiteren Untersuchungen einladen konnte, wurden auch Erkenntnisse zu anderen Krankheitsbildern, wie Schlaganfall, Vor- und Frühformen der Demenz sowie Krebs, möglich.

Mehr und mehr setzte sich die Erkenntnis durch, dass die „Heinz Nixdorf Studie“ quasi ein Tausendsassa ist: Verläufe von Risikofaktoren werden beschreibbar, Erkenntnisse über deren Wirkung sind ableitbar, Vergleiche mit Erkrankten ergeben eine Einordnung in das Spektrum „krank“ und „gesund“. Welche Rolle spielen soziale und psychosoziale Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten, welche Rolle die Umwelt? All diesen Fragen kann das Wissenschaftler-Team um die Professoren Jöckel, Moebus, Erbel und Stang vom Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (IMIBE) des Universitätsklinikums Essen nachgehen. Wissenschaftler innerhalb und außerhalb der Universität Duisburg-Essen haben seit Beginn und mit steigender Intensität erkannt, welches Forschungspotenzial in dieser Ressource liegt und sich mit eigenen Forschungsfragen und -projekten der Studie angeschlossen.

Es war nur konsequent, diesen Forschungsansatz in zwei Richtungen auszuweiten: Einerseits wurden die Partner und Kinder der HNR-Studienteilnehmer zu einer Untersuchung eingeladen (die sogenannte Mehrgenerationenstudie), damit familiäre, genetische und umweltbedingte Faktoren der Entstehung von Krankheiten in einem Gesamtbild zusammengefasst werden können. Andererseits haben sich die Wissenschaftler des IMIBE seit Beginn an der bundesweiten NAKO-Gesundheitsstudie beteiligt, die Grundprinzipien der „Heinz Nixdorf Studie“ auf 200.000 über ganz Deutschland verteilte Teilnehmer überträgt. Die Stadt Essen und damit das Ruhrgebiet ist mit 10.000 Bürgern beteiligt, die zufällig aus dem Einwohnermeldeamt gezogen und im Studienzentrum des Universitätsklinikums Essen untersucht werden. Eine Besonderheit liegt dabei darin, dass in Essen eines von fünf Magnetresonanztomographie-Zentren angesiedelt ist, das 6.000 von deutschlandweit 30.000 Probanden einlädt, eine einstündige MRT-Untersuchung zu erhalten. Dieses Programm ist weltweit einzigartig und bringt die deutsche Wissenschaft in diesem Bereich an die Spitze.

Damit ist Essen eines der weltweit führenden Zentren, an denen moderne epidemiologische Kohortenforschung durchgeführt wird. Die enge Kooperation von klinisch tätigen und grundlagenwissenschaftlich orientierten Forschern des Ruhrgebiets und des Rheinlands stellt dabei ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dar.