Eine kurze Geschichte der Vernetzung

Das Internet ist überall, der Mensch ist ein „Homo Smartphonicus“: Die Digitalisierung eröffnet Chancen, birgt aber auch Gefahren. Ein Beitrag von Michael Graef, Chefredakteur der TM 2.0, eines Journals für Forschung und Technik.

Die eigene Erfahrung ist ein sehr enger Teufelskreis, schrieb schon Oscar Wilde. Glücklicherweise ist die menschliche Kultur aber auch eine Geschichte der Vernetzung – und die gewährt uns einen gewissen Schutz vor den Gefahren permanenter Selbstbespiegelung.

Die ganze Welt in einem Gehirn

Einen der wichtigsten zivilisatorischen Sprünge brachte die Schriftkultur. Sie ermöglichte die Wissensweitergabe und half bei der Überwindung der Grenzen von Raum und Zeit. Während technische Entwicklungen vergangener Jahrhunderte zuweilen als prototypisches Internet bezeichnet werden – etwa die Telegraphie als „viktorianisches Internet“ –, finden wir etwa bei Alexander von Humboldt Überlegungen, die ihn als eine Art „Vordenker des World Wide Web“ erscheinen lassen. Ausgerechnet also bei dem Mann, der zu den letzten Universalgelehrten zählt, die alle relevanten Theorien und Bestandteile des Weltbildes ihrer Zeit erfassen konnten.

Die ganze Welt in einem Gehirn! Das ist heute undenkbar. Der unvorstellbar mächtige digitale Datenstrom hat die alte Ordnung des Aufeinanderfolgens von Ereignissen durch die Unordnung des Gleichzeitigen ersetzt. Was ebenfalls Alexander von Humboldts berühmtes Diktum bestätigt, wonach dem Wissen stets ein Ahnen vorausgeht.

Echt künstlich

Das Internet nicht erahnt zu haben, wird hingegen dem Science-Fiction-Genre nachgesagt. Dafür findet man dort, was bereits als nächste technologische Revolution in den Startlöchern steht: eine Melange aus künstlicher Intelligenz und virtueller Realität. Sie wird eines Tages die vom Internet verursachten Umbrüche als sanftes Vorgeplänkel erscheinen lassen. Zudem wird sich unser Verständnis von Wirklichkeit gravierend ändern.

In Anbetracht von Kampfbegriffen wie „alternative Fakten“ und „Fake-News“ möchte man meinen, dass die Welt sensibilisiert ist für die Vermischung von Schein und Wirklichkeit, an der beispielsweise die Sozialen Netzwerke einen großen Anteil haben. Kaum geredet wird hingegen über die gewaltigen Fortschritte bei der computergestützten (Echtzeit-)Manipulation von Texten, Bildern, Videos oder Stimmen. Wird aber die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Inszenierung unmöglich, könnten die Folgen für unsere freiheitlich-demokratische Ordnung verheerend sein.

Wer behält in der künstlichen Realität der Zukunft die Kontrolle? Oder besser: wer erlangt die Macht, Fiktion in Realität zu verwandeln? Und behalten diejenigen recht, die seit Jahren vor der grundsätzlichen Unkontrollierbarkeit von künstlicher Intelligenz warnen? Kommt hier ein „Game Changer“ vom Format der Atombombe auf uns zu?

Ultimativer Rohstoff

Auch die Unterscheidung zwischen on- und offline wird irgendwann wegfallen. Das Internet wird uns umgeben wie die Luft zum Atmen. Viel wird heute über offline verbrachte Zeit als neuer Luxus gesprochen. Wird es in Zukunft aber überhaupt das Recht auf eine zeitweilige Abkopplung vom Netz geben?

Außer Zweifel steht, dass die Interaktion mit Computern bald so intuitiv und natürlich geschieht wie von Mensch zu Mensch; Smart
Speaker zeigen, wohin die Reise geht. Sprach- und Gestensteuerung werden um Mimik und den Ausdruck der Augen ergänzt. Dadurch werden wir – wenn wir es zulassen – andauernd analysiert. Unentwegt wird abgelesen, ob wir uns freuen, die Unwahrheit sagen oder Vorbehalte haben.

Für Vorbehalte sorgen dürfte auch das Überschreiten der „Final Frontier“ auf dem Weg in die lückenlos vernetzte Welt: das Andocken des Gehirns an die Maschine. Längst ist ein Wettlauf um die Eroberung der Gedanken als ultimativer Rohstoff entbrannt. Man stelle sich Schlagzeilen vor wie: „Hacker übernehmen das Gehirn des US-Präsidenten“.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Wen all das beunruhigt, der sei daran erinnert, dass den Menschen bereits die Zähmung des Feuers von seinem früheren Selbst unumkehrbar entfremdet hat. Ebenso kann der gegenwärtige „Homo Smartphonicus“ bereits als partieller Cyborg begriffen werden. Schließlich ist bekannt, dass die Tatsache, dass sich alles googeln lässt, dazu führt, dass digital rezipierte Inhalte nicht sonderlich gut abgespeichert werden. Und ohne Gadgets und Google droht, Klischee hin oder her, die digitale Amnesie.

Muss aber alles unbedingt miteinander vernetzt werden? Mit vermeintlich harmlosen Dingen wie vernetzten Fernsehern, Kühlschränken und Kaffeemaschinen kommen schließlich Milliarden zusätzlicher Einfallstore für Cyberangriffe. Von den volkswirtschaftlichen Risiken, die aus der völligen Vernetzung von Produktion und Logistik resultieren, ganz zu schweigen.

Doch warum sollte es dieses Mal anders sein, als bei allen Technologiesprüngen der Vergangenheit? Stets müssen nachfolgende Generationen Lösungen für die im Nachhinein auftauchenden Probleme finden.

Oder, um ein versöhnliches Wort Oscar Wildes zu bemühen: „Unzufriedenheit ist der erste Schritt in Richtung Fortschritt.“

Der Autor

Michael Graef ist seit 2010 Chefredakteur der TM 2.0, eines im Jahr 1907 als „Technische Mitteilungen“ gegründeten Journals für Forschung und Technik. Daneben ist er Mitgründer einer Agentur für strategische Unternehmens- und Kommunikationsberatung und schreibt für das von ihm gegründete Online-Magazin RGBMAG sowie als Gastautor für unterschiedliche Projekte.

Michael Graef auf Twitter:
@michael_graef

 

2018-07-12T17:10:03+00:00Categories: #05 Tausendfüßler Wissenschaft|