Die Hochschule als Zugpferd für Stadt und Region

Kommunale Hochschulpolitik

Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen sind und waren Impulsgeber für die Entwicklung von Stadt und Region. Zahlreiche gute Beispiele vor Ort zeigen, dass eine enge Kooperation von Kommunen und Hochschulen die Anziehungskraft, Lebensqualität und Innovationskraft einer Stadt stark steigert.

Hartnäckig hält sich das Klischee der Universität als Elfenbeinturm, in dem weißbärtige Professoren nur ihrem Geist verpflichtet sind. Dieses Bild einer gesellschaftlich isolierten Institution geht aber an der Realität völlig vorbei. Zu einer ganzheitlichen Sicht auf eine Alma Mater – wörtlich „nährende Mutter“ – gehört, dass ihre Zöglinge für die gesellschaftliche, kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung einer Stadt sorgen. Gleichzeitig sind Wissenschaftler und Studierende auch Nutzer der städtischen Infrastruktur – von Bus und Bahn über den Einzelhandel bis hin zur Kneipe.

Hochschulen als „Gelddruckmaschine“?

Die Bedeutung von Hochschulen für ihre jeweiligen Standorte ist enorm. Das gilt sowohl für die „Angebotseffekte“ zum Beispiel durch Absolventen, die von ortsansässigen Unternehmen eingestellt werden, als auch für die „Nachfrageeffekte“ – also die Ausgaben, die Studierende und Hochschulmitarbeiter tätigen, und die häufig der lokalen Wirtschaft zugutekommen. Allein bei der einkommensschwächsten Gruppe – den Studierenden – kommen dabei beachtliche Beträge zusammen: Mehr als 900 Euro hat ein Student laut 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks durchschnittlich pro Monat zur Verfügung. Das sind jährlich fast 11.000 Euro, die zu einem guten Teil die Kassen vor Ort klingeln lassen. Ein weiteres Beispiel: Die Ausgaben der Technischen Universität Berlin ergaben nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung eine Bruttowertschöpfung von mehr als 500 Millionen Euro. Allein von den Ausgaben der TU Berlin würden rund 11.000 Arbeitsplätze abhängen.

Kooperations- und Ansprechpartner für  die regionale Wirtschaft

Universitäten, Fachhochschulen und Forschungsinstitute sind bedeutende Ansprechpartner für die regionale Wirtschaft. Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft bieten sie Innovations- und Problemlösungskompetenz. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ist die Kooperation mit Hochschulen eine entscheidende Voraussetzung für Innovationen. Denn KMUs sind aufgrund begrenzter eigener Ressourcen noch mehr auf das Forschungs-, Kreativitäts- und Problemlösungspotenzial von Hochschulen angewiesen.

Von Technologietransferstellen über Forschungsdatenbanken bis hin zu Stiftungsprofessuren und gemeinsam gegründeten Instituten reicht das Spektrum der Kooperationsmöglichkeiten. Unmittelbar profitiert die Kommune von lokalen Existenzgründungen aus der Hochschule, den akademischen Spin-Offs. Ein Großteil der wachstumsstarken Unternehmensgründungen geht zurück auf Absolventen und Mitarbeiter von Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Hochschulen fördern die Kreativität einer Kommune und strahlen über die eigenen Stadtgrenzen hinaus. Es gilt, attraktive Standortbedingungen für wissenschaftliche Einrichtungen und ihr Personal zu schaffen. Eine besondere Rolle spielt dabei die inländische und internationale Anziehungskraft der Region. Dazu gehören attraktive Forschungs- und Arbeitsbedingungen sowie eine hohe Lebensqualität durch kulturelle Angebote, ein gesellschaftliches Willkommensklima sowie die gute Vereinbarkeit von Studium und Elternschaft oder Wissenschaft und Familie.

Hand in Hand: Hochschulprofilierung und Stadtprofilierung

Studierende tragen im besonderen Maß dazu bei, einer Stadt ein positives und modernes Image zu verleihen. Sie sind Treiber für die kreative Entwicklung eines Stadtviertels oder gar einer ganzen Stadt. Zusammen mit den Wissenschaftlern sind sie eine Bereicherung des geistig-kulturellen Klimas einer Kommune. Dieses Potenzial anzuziehen und durch gute Perspektiven zu halten, sind wichtige Aufgaben für ein strategisches Stadtmarketing und zielgruppenorientierte Angebote.

Stadtmarketing ist dabei mehr als eine Werbekampagne. Es ist idealerweise Teil einer klugen Stadtentwicklungsstrategie und -profilierung. Vor ähnlichen Herausforderungen, im Wettbewerb um Studierende und Wissenschaftler attraktiv zu sein, stehen auch die Hochschulen. Größere Autonomie und Eigenständigkeit haben ihnen Raum gegeben für Profilbildung, Leitbildentwicklung und den Aufbau neuer Organisations- und Managementstrukturen. Es ist eine gewaltige Chance für Stadt und Hochschule, auf diese Herausforderung mit einer integrierten Strategie für eine gemeinsame Stadt- und Hochschulprofilierung zu antworten.

Hochschule öffne dich!

Profilierung ist besonders wirkungsmächtig, wenn die Hochschulen ihre vielfältige Ausrichtung auch mit einer aktiven Öffnung gegenüber bisher unterrepräsentierten Gruppen verbinden. In Kooperation mit Schulen, Verbänden, Vereinen sowie engagierten Studierenden und Bürgern sollen Jugendliche aus bildungsfernen Schichten, mit Migrationshintergrund oder auch mit beruflicher Qualifikation gezielt angesprochen und gefördert werden.

Hochschulen beschreiten bereits diesen Weg –
zum Beispiel die Universität Duisburg-Essen (UDE). „Diversity Management“ heißt das Prinzip, mit dem die Ruhrgebietshochschule ihre Tore weit macht für Bildungsaufsteiger. Zusammen mit privaten Stiftern hat die UDE unter anderem ein Stipendienprogramm entwickelt, das sich bereits an Schüler aus Elternhäusern mit Migrationshintergrund richtet, um sie für ein Studium zu gewinnen. Durch eine frühe und kontinuierliche Förderung sollen so möglichst früh Hemmschwellen gesenkt werden.

Umgekehrt kümmern sich die Studierenden bereits aktiv um „ihre“ Stadt: Mit dem Programm „UNIAKTIV“ unterstützt die UDE einen „Service Learning“-Ansatz – sie verbindet also akademisches Lernen und gemeinwohlorientiertes Engagement. Studierende und Lehrende haben zahlreiche Service Learning-Seminare und Projekte mit gesellschaftlichem Bezug umgesetzt. Hunderte gemeinnützige Einrichtungen konnten vom bürgerschaftlichen Engagement profitieren – das Einsatzgebiet reicht dabei von der Unterstützung von Schülern über die Begleitung von Senioren bis hin zum Aufbau eines Vereins, der sich um die kostenfreie medizinische Versorgung von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung kümmert.

„Jungbrunnen“ Universität

Studierende sichern in Zeiten des demografischen Wandels die Attraktivität ihrer Städte. Sowohl die Hochschulstädte im Osten als auch im Ruhrgebiet verzeichnen einen vergleichsweise geringen Bevölkerungsrückgang, oder sie befinden sich sogar auf Wachstumskurs wie die Ruhrmetropolen Essen und Dortmund. Stadtplaner der Universität Essen-Duisburg führen dies unmittelbar auf die vielfältigen und attraktiven Hochschulen und die dichte Wissenschaftslandschaft im Revier zurück.

Gute Bedingungen für Wissenschaftler und Studierende zu schaffen, ist eine wichtige Aufgabe für Bund und Land. Doch auch die Kommunen sind gefordert. Vielfach sind sie bereits aktiv, den akademischen Nachwuchs zu unterstützen, zum Beispiel bei der Wohnungs- und Nebenjobsuche, mit Freizeitangeboten, Sponsoring- und Praktika-Angeboten der Wirtschaft oder mit einer Willkommenskultur für Studierende mit Erstwohnsitz am Studienort. Um das Studium mit Kind zu ermöglichen, wird zudem eine abgestimmte Kinderbetreuungsinfrastruktur immer wichtiger.

Hochschulpolitik ist ein Feld zukunftsorientierter Kommunalpolitik. Die Vernetzung von Hochschulen, Wirtschaft und Kommunen legt das Fundament für eine gute regionale Entwicklung und hochqualifizierte Arbeitskräfte – und sie liefert einen wichtigen Beitrag, den ökologisch-sozialen Umbau von Gesellschaft und Ökonomie zu stemmen.

Kai Gehring
Mitglied des Deutschen Bundestags